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Adelheid Schurius - Aus meinem Lebensweg

Adelheid Schurius - Aus meinem Lebensweg

i 15. Juli 2020 von Adelheid Schurius

Mein Leben ist wie eine lange Reise vom kleinen Bauerndorf Plumberg im Egerland über viele Zwischenstationen bis ins schöne Pfaffenhofen an der Ilm. 86 Jahre sind inzwischen auf dieser Reise vergangen. Der Weg ist von vielen politischen Umwälzungen und somit von Höhen und Tiefen geprägt.

Mein Leben begann 1934 am 17. Februar


in einem Dorf, das es seit 1948 nicht mehr gibt. Es lag in den südlichen Ausläufern des Erzgebirges, genauer zwischen Eger und dem bekannten Heilbad Karlsbad. Es hieß Plumberg. Dort habe ich meine Kindheit und einen Teil meiner Jugendzeit verbracht. Mein Vater, Edmund Schwarz, war im benachbarten Markt Gossengrün Bürgerschullehrer und meine Mutter, Berta Dörfler, stammte aus einer Bauernfamilie in Plumberg. Ich war ihr erstes Kind. Ich hatte noch drei Geschwister, die jetzt nicht mehr leben. Wir wohnten damals im Schulhaus des kleinen Ortes.

An meine Kindheit


erinnern mich viele Fotos, die mein Vater von seiner Erstgeborenen gemacht hatte. Als damals Vierjährige wurde ich öfter von ihm in sein Jagdrevier mitgenommen. Um kein Wild aufzuscheuchen, musste ich bei ihm auf dem Hochsitz ganz still sitzen, was mir sehr schwer fiel. Ich erinnere mich an einen schönen Pfingstausflug 1939 in die Grenzstadt Eger. Sie war damals mit vielen Nazifahnen festlich geschmückt. Ich wusste noch nichts von deren Bedeutung.
Meine Kindheit empfand ich insgesamt als sehr schön, denn das Dörfchen bot viel unberührte Natur. Ich musste oft auf meine Geschwister aufpassen, vor allem dann, wenn sich meine Mutter mit Spitzennähen ein Zubrot verdiente. Von den damaligen großen politischen Ereignissen bekam ich erst etwas mit, als mein Vater 1940 zum deutschen Militär einberufen wurde. Zu meinen Großeltern mütterlicherseits hatte ich eine besonders innige Beziehung. So erfuhr ich von meinem Großvater Wenzel Dörfler, was 1938 geschehen ist. Hitler ist mit seinen Truppen ins Sudetenland einmarschiert und wir wurden ins deutsche Reich eingegliedert. Meine Vorfahren waren Deutsch-Österreicher. Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg wurde das Kaiserreich Österreich in viele Teile zerschlagen und die über 3 Millionen Sudetendeutschen wurden in das 1918 gegründete Tschechien zwangseingegliedert. Da ich im Lehrerhaus wohnte, hatte ich keinen Schulweg zur Grundschule.
Während dieser Zeit hatte ich ein schlimmes unvergessliches Erlebnis. Mein Vater schrieb uns, wir sollten ihn im Arbeitslager Groß Rosen besuchen. So trat ich mit meiner Mutter und meinem 8-jährigen Bruder während der Pfingstferien 1944 meine erste Zugreise dorthin an. Am Bahnhof in Liegnitz erlebten wir einen schrecklichen Luftangriff durch die Amerikaner. Da die Zugverbindung nach Groß Rosen zerstört war, mussten wir umständlich über Breslau zum Zielort fahren. Dort erfuhren wir, dass das Lager nach Lüben verlegt worden war. Nach einem beschwerlichen Weg dorthin, erschraken wir beim Anblick unseres Vaters. Er trug Sträflingskleidung, war sehr abgemagert und sah ganz verstört aus. Später erfuhren wir, dass er einen Schießbefehl verweigert hatte.

Meine Jugendzeit war von schrecklichen Ereignissen begleitet.


Als damals 11-jährige kann ich mich an sehr Vieles erinnern. Im April 1945 besetzten amerikanische Soldaten unser Dorf. Nach einer politischen Abmachung kamen die Russen und mit ihnen die Tschechen. Diese beschlagnahmten alle Häuser. Wir durften zunächst darin noch wohnen. Erst am Karfreitag 1946 besetzen slowakische Familien unser Dorf. Meine Großeltern mussten von da ab am Dachboden schlafen. Alle Dorfbewohner wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Alle Deutschen mussten eine Armbinde mit “N“ tragen (N= Nemec, also Deutscher, obwohl wir 1945 zu Staatenlosen erklärt worden sind).

Im Viehwaggon in eine neue Heimat


Am 31. Mai 1946 bekamen wir kurzfristig die Aufforderung unsere angestammte Heimat sofort zu verlassen und in die Sammelstelle in das 12 km entfernte Falkenau zu kommen. Den Transport dorthin musste man selbst organisieren. Mein Großvater spannte seine Zugochsen ein und wir beluden unseren Leiterwagen mit nur 50 kg Gepäck pro Person. Dieses wurde abgewogen und gründlich kontrolliert. Dabei gelang es mir, den Kopf meiner Nähmaschine am strengen Kontrolleur vorbei zu schmuggeln. Am 3. Juni begann in Viehwaggons zusammengepfercht die Abreise aus meiner ersten Heimat. Wohin der Trauerzug mit 1200 Vertriebenen rollte, wussten wir nicht. Über die Grenzstation Wiesau kamen wir nach Bayern. In Dachau wurden wir mit giftigem DDT-Pulver entlaust, kurz verköstigt und die Weiterfahrt endete in der Kleinstadt Schrobenhausen. Dort übernachteten wir in einem Wirtshaussaal bis uns ein Bauer aus dem kleinen Dorf Hirschenhausen abholte. Der Empfang war zwiespältig. Kein Wunder! Wir erfuhren, dass in dem kleinen Bauerndorf mehr Heimatvertriebene als Einwohner unterzubringen waren. Wir schliefen zunächst in der Scheune des Wirtes. Dann bekamen wir „Flüchtlinge“ ein Behelfszimmer bei einem kleinen Landwirt. Dort mussten wir zu siebt sehr beengt wohnen. Dann kam mein Vater aus der Gefangenschaft zurück. Nach einem Jahr Wartezeit bekam er eine Lehrerstelle im Ort und wir durften ins dortige Lehrerhaus umziehen. Ein einigermaßen geordnetes Leben konnte beginnen.

Meine Ausbildung zur Lehrerin


Sie begann am Musischen Gymnasium „Gnadenthal“ der Armen Schulschwestern in Ingolstadt. Dort wurden nur Mädchen unterrichtet. Es führte nach 6 Jahren zum Abitur. Das Internat kostete monatlich 80 DM. Noch heute bin ich meinem Vater dankbar, dass er von seinem kargen Gehalt dieses Geld abgezweigt hatte und mir sogar die Romreise, die die Schule anlässlich des „Hl. Jahres„ 1950 angeboten hatte, ermöglichte.
Das Schulleben im Internat war streng katholisch ausgerichtet. Das bedeutete: Jeden Tag in die Frühmesse gehen und jeden Samstag zur Beichte. Nur in den Ferien durfte man heimfahren.
1954 machte ich das Abitur. An der Schule war ein Institut für Lehrerbildung angeschlossen. Damit konnte ich dort die weitere Ausbildung zu meinem Wunschberuf „Lehrerin“ bis zum 1. Staatsexamen fortsetzten.
Der 30. August 1956 war für mich ein sehr wichtiger Tag. Alle Referendare mussten am Schulamt Schrobenhausen den Eid auf die bayerische Verfassung ablegen. Dabei sah ich zum ersten Mal meinen künftigen Mann Leo Schurius, mit dem ich nun über 60 Jahre glücklich verheiratet bin.
In den folgenden Jahren bis zum 2. Staatsexamen wurde ich an zahlreichen Volksschulen im Altlandkreis Schrobenhausen als Aushilfe eingesetzt. Den praktischen Teil des Examens legte ich an der damals zweiteiligen Schule in Tegernbach ab. Ich bekam als planmäßige Lehrerin eine Dienststelle an der Grundschule Euernbach zugeteilt.
Ab 1960 unterrichtete ich in Gerolsbach, wo mein Mann die Oberstufe der Volksschule führte. Im gleichen Jahr heirateten wir. In dieser für uns schönen Berufszeit kamen unsere beiden Töchter zur Welt. Fast wäre Gerolsbach für uns die 2. Heimat geworden, denn es gelang uns dort, das Vereinsleben erfolgreich mit zu gestalten. Mein Mann wurde Gemeinderat und wir unterrichteten als junge Lehrer nach neueren Methoden die dortigen Schüler, was uns viel Lob einbrachte. Doch wir dachten auch an die Ausbildung unserer Töchter.

Wie Pfaffenhofen unsere 2. Heimat geworden ist


Als in Pfaffenhofen das Gymnasium errichtet wurde, bewarben wir uns erfolgreich um dortige Volksschulstellen. Wir bauten uns 1967 in schöner Lage ein Zweifamilienhaus. Als Doppelverdiener konnten wir uns das leisten, zumal mein Mann Seminarrektor wurde. Die aufstrebende Stadt Pfaffenhofen mit seiner sehr günstigen Verkehrslage gefiel uns jedes Jahr besser. Ich unterrichte an der J.M. Lutzgrundschule zunächst einige Jahre. In dieser Zeit wurde die sog. Mengenlehre eingeführt und ich wurde vom Schulamt beauftragt, diese neue Art der Mathematik auch den Schülereltern in den umliegenden Schulsprengeln näher zu bringen. Nach der Schulreform ab 1969 war ich in der 7. und 8. Jahrgangsstufe tätig. Als 1976 an der Gehardinger-Grundschule die Konrektorenstelle frei wurde, bekam ich sie.

15 Jahre Schulleiterin in Pfaffenhofen


1981 wurde auch die Rektorenstelle frei und ich bewarb mich. Das gefiel dem damaligen Stadtpfarrer gar nicht, denn als 1846 fünf Arme Schulschwestern nach Pfaffenhofen kamen, stellten sie 145 Jahre lang immer die Schulleitung. Doch das hatte sich nun grundlegend geändert. Nur noch 3 klösterliche von über 20 weltlichen Lehrkräften waren an der Schule in 16 Klassen tätig. Der Pfarrherr kam zu mir ins Haus und forderte mich auf, meine Bewerbung zurückzuziehen, was ich aber ablehnte. Ich stand sofort vor großen Aufgaben. Es wurde im selben Jahr auf Initiative des Elternbeirates die Koedukation eingeführt. Es mussten für die Knaben einige Umbauten, insbesondere eigene Toiletten geschaffen werden. Die Schulsprengel wurden erweitert und die Gesamtschülerzahl wuchs auf fast 500.
1982 machte ich mit meinem Mann eine fünfwöchige Weltreise. Sie war Höhepunkt der vielen Reisen in den Ferienzeiten.
Als Rektorin war die stärkere musische Ausrichtung der Schule mein Ziel. So führte ich die jährlichen Theaterfahrten ein. Schulfeste und Feiern in den einzelnen Klassen sollten verstärkt den Schulalltag durchbrechen. In einem speziellen Raum ließ ich einen kleinen Musiksaal errichten und ich leitete bald einen Schulchor mit fast 80 Kindern. An der 550 Jahrfeier der Stadt 1988 haben wir uns zur Freude der vielen Zuschauer beim Festzug mit einem „Höfischen Ballet“ beteiligt. Vorher nähte ich dazu tagelang für 50 Mädchen Kostüme.
Eine große Kraftanstrengung war 1991 die Vorbereitung zur Feier anlässlich des 25 jährigen Schuljubiläums. Ein umfangreiches Skriptum musste erstellt werden. Ich verfasste dazu einen Artikel über die lange Schulgeschichte unserer Stadt mit Illustrationen.
Zu meiner großen Freude überraschten mich alle Schulkinder und Lehrkräfte zu meinem 60. Geburtstag im Februar 1994 mit einem großen Schulfest.
Beim Jahrhunderthochwasser des Gerolsbachs im April des gleichen Jahres wurden die Kellerräume der Schule überschwemmt. Zur Freude der Schüler sah man darin Forellen schwimmen.

Vom Abschied aus dem Berufsleben


Am Ende des Schuljahres 1995/96 nahm ich die Möglichkeit war, in den Ruhestand zu gehen. 40 Jahre im Schuldienst sind eine lange Zeit. Lehrkräfte und Elternbeirat bereiteten mir eine große Abschiedsfeier: Ein Hubschrauber wurde angemietet. Er brachte mich vom Sportplatz aus zur Schule. Dabei genoss ich den Flug über unsere schöne Stadt. Nach der Landung vor dem Schyren-Gymnasium begleiteten mich die Schulkinder und deren Eltern feierlich zur Turnhalle. Dort verabschiedeten mich Lehrkräfte, Eltern und Schüler mit einer wunderschönen Feier.

Vom Leben im Ruhestand


Kurz vor der Jahrtausendwende haben wir unser Haus mit einem großen Wintergarten erweitert und ich wurde zum zweiten Mal Oma. Schöne Aufgaben warteten auf mich. Ich fand endlich Zeit meine Kochkünste zu erweitern und damit meine Schwiegermutter zu entlasten. Sie war mir eine große Hilfe, meine Aufgaben in Beruf und Familie zu stemmen. Zu dieser Zeit war es nämlich noch nicht üblich, dass eine Ehefrau und Mutter weiterhin ihrem erlernten Beruf nachging. Es gab weder Elternzeit noch Teilzeit.
Ehrenamtliche Tätigkeiten bereicherten meinen Alltag. Vorträge über Pfaffenhofens Geschichte in der VHS und die Leitung eines Singkreises im Seniorenbüro kamen dazu. 2012 beschloss ich, meine Vorträge zur Geschichte der Stadt in der VHS in einem Buch zusammen zu fassen. Dazu sammelte ich jahrelang viel quellensicheres Material. 2017 erschien mein Buch „Die Geschichte der Stadt Pfaffenhofen an der Ilm im Lauf der Zeit“. Es freut mich, dass es von vielen Leuten gelesen wird.

Ja, was wünscht man sich im hohen Alter!? Weiterhin gute geistige und körperliche Gesundheit mit Familienglück und viel Lebensmut.

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